Zuflucht bei Travia

Im Kloster

Der Hof des Klosters ist eine andere Welt. Häuser und Hütten umringen ihn wie einen Dorfplatz, ein Ziehbrunnen liegt im Schatten zweier Linden, Kinder tollen mit einem struppigen Hund herum. Von der Seite grüßt mit offener Türe der steinerne Tempel der Gütigen; man hat versucht ihn wie ein Fachwerkhaus zu bemalen, auf daß er freundlicher wirke. Gleich davor stehen Bäurinnen und Bauern palavernd um eine Kuh herum. Und womöglich scheint hier die Sonne, während es vor den Toren regnet.
Nur langsam kehrt die Wirklichkeit zurück. Die Hütten und Ställe sind klein und stehen dicht an dicht. Nur der Tempel und ein "Palas" sind aus Stein, ihre Mauern dafür umso dicker, die Dächer mit Steinplatten gedeckt. Fast jeder trägt hier Waffen, und sei es einen kräftigen Knüttel. Vielen der "Bauern" fehlt ein Bein, ein Arm, ein Auge, und später wird man erfahren, daß die fröhlich spielenden Kinder Waisen sind, ihre Eltern auf der Flucht oder im Kampf umgekommen.

Eine weißhaarige Frau eilt heran, stämmig, rosig und lachend; in all dem Gelb und Rotbraun ihrer zusammengeflickten Kleider verrät nur die kostbare Gänsespange, daß sie die Vorsteherin des Klosters und Tempels sein muß.
Im Namen Travias und Travinians heißt sie willkommen, führt zu sauberen Lagern, bietet ein warmes Bad. Gegessen werde kurz vor Sonnenuntergang im Refektorium, und wer etwas brauche, möge sich nur an Bruder Meinfried wenden. Hinter ihr verneigt sich lächelnd ein schlaksiger Mann, dessen Kutte tatsächlich einmal orange gewesen sein mag. Eine gräßliche Narbe spaltet schräg sein freundliches Gesicht.
Die "Mutter" des Klosters eilt davon; ihre kräftigen Bewegungen passen nicht zum schlohweißen Haar, das Lachen in ihren Augen nicht zum bitteren Zug ihres Mundes.

Manche erreichen das Kloster auf dem Weg in die Schwarzen Lande, manche - weit seltener - wenn sie von dort über Hengefeldt zurückkehren, vorbei am Wachposten in die göttergefälligen Lande.
Wer länger bleibt, hat dafür meist einen guten Grund. Er wird jedenfalls bald merken, daß das Leben im Kloster nicht immer so friedvoll ist und es einiges zu erleben gibt. Und er wird die seltsam zusammengewürfelten Bewohner dort näher kennenlernen.

[ Meisterinfo: Travias Zuflucht ]

 

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Impressum -- Text © 2002-2007 Friederike Stein und Marianne C. Herdt, Tübingen. Graphik, Layout © M. C. Herdt. Letzte Änderung: 2007-12-30