Auf dem Weg durch Hengefeldt

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Kurz hinter ihm teilt sich der Weg. Der südwärts führende mochte einst kaum mehr als ein Saumpfad gewesen sein, jetzt ist er aufgewühlt und zerfurcht von Rädern und Hufen. Zu »Rondras Trutz« führt er, zur Grenzfeste der Rondrianer.

Gräser und junge Büsche wachsen auf dem anderen Weg, schon lange ist hier niemand mehr geritten oder gefahren. In alten Karrenspuren steht Wasser, etwas platscht - nur ein Frosch.
Im Winter und zur Schneeschmelze war hier auch schon zu friedlicheren Zeiten kaum ein Durchkommen, jetzt aber grünt und blüht alles, die Vögel zwitschern lustig in den Bäumen. -- Nein, gerade ist alles still.
Ein kalter Hauch zieht durchs Geäst, doch kein Zweig rührt sich ... So schnell, wie es kam, ist es auch vorüber, und schon hebt wieder der erste Vogel an zu tirilieren.

Hengefeldt kann nicht reich gewesen sein, auch vorher nicht. Der alte Vogt soll am Arvepaß gefallen sein, nun ist seine Tochter Serima Vogtin. Ob sie je das Land gesehen hat, das sie nominell verwaltet?

 

Ein Schatten löst sich aus dem Gebüsch neben dem Weg, ein hoher Schrei, Federn stieben -- ein Habicht hat zugeschlagen, nicht anders als anderswo auch.
Wieder macht der Weg eine Kehre, Schritt für Schritt windet er sich höher und höher.

Mühsam muß das gewesen sein für die Ochsenkarren, aber weiter oben soll noch eine Stadt liegen -- gelegen haben, Hengen. Sie fiel im Boron 28 Hal.
Trotzdem gelang es den Dämonischen nicht, sich in Hengefeldt festzusetzen, nicht auf dieser Seite der Berge jedenfalls. Vielleicht war es selbst für sie zu unwirtlich gewesen, vielleicht hatten Trolle und Trollzacker sie wieder vertrieben, wer wußte das schon so genau.

 

Ein Bergbach plätschert über den Weg. Einst führte ein Steg hinüber, aber Hochwasser haben ihn längst fortgerissen, und niemand hat einen neuen errichtet. Das Wasser rinnt über bemooste Steine, sucht sich seinen Weg durch Geäst und Laub. Frisches, klares Wasser.
In einem modrigen Becken liegen feine Knöchelchen, ein Frosch mag sich hierher verirrt haben. Nicht weit davon ein kleines Vogelskelett. Und etwas weiter bachaufwärts ein verrottendes Eichhorn.
Weiter oben -- verschwindet der Bachlauf zwischen Felsen und Astgewirr in stillem Walddunkel.

WaldImmer noch zwitschern die Vögel, aber es ist ein schriller Ton dabei. Die Bäume stehen wie drohende Wächter zu beiden Seiten des Weges. Totes Astwerk und zerzaustes Gebüsch versperren den weiteren Blick. Weiter!
Etwas knackt unterm Tritt -- ein Ast ...


Auf einmal wird der Weg eben, führt an den Flanken des Berghanges entlang; dann tritt er aus dem Wald heraus. Die sinkende Sonne scheint das struppige gelbe Gras auf dem Bergrücken zu entzünden, vergoldet die Gerippe toter Kiefern, wirft warmes Licht über das Land und spiegelt sich in den Lachen eines Moores wider.
Weit kann jetzt das Auge schweifen, hinüber zu den bewaldeten Bergzügen, hinter denen die bewohnten Lande liegen, die, in denen Götter und Gastfreundschaft noch gelten ... Hinauf auch zu den schroffen Felsgipfeln der hohen Zacken, schweigend, kalt. Und hinunter in die Schwärze eines engen Tales, dessen Schatten langsam höher und höher kriechen.

 

Von der anderen Seite grüßt über die Bäume der Giebel eines steinernen Hauses; den First krönt die Figur einer Gans. Eines jener Klöster und Hospize, in denen, gemeinsam mit Greif und Löwin, die Wildgans in den Bergen wacht, immer noch, auch wenn längst keine normalen Reisenden mehr einkehren und auch Flüchtlinge oder zurückkehrende Truppen immer seltener werden. Das düstere Tal gälte es noch zu durchqueren und den Hang auf der anderen Seite hinauf, dann stünde man vor den Mauern des Wehrklosters der Travia.
Aber der Weg wendet sich ab, windet sich in eine andere Richtung.

 

Struppige Wiesen wechseln in dunklen Wald. Dann ein schwarzer Hang; deutlich zeichnen sich alte Karrenspuren unter der Asche ab, deutlich auch die Furchen, die Wind und Wasser gerissen haben. Und überdeutlich die Gerippe verkohlter Bäume. Nicht nur Bäume.
Nirgends zeigt sich neues Grün, selbst die Luft schmeckt schal und verbrannt.
Etwas kreist hoch oben in der Luft. Ein Greif? Ein Raubvogel? Oder noch anderes? Eins ist wie's andere, von unten gesehen.

 

Aus dem Tal zieht ein kalter Hauch herauf, der daran erinnert, das letzte Licht lieber für die Suche eines Nachtlagers zu nutzen. Irgendwo heulen Wölfe. Wenn es denn welche sind.
Dann wird es Nacht.

 

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Impressum -- Text © 2002-2007 Friederike Stein und Marianne C. Herdt, Tübingen. Graphik, Layout © M. C. Herdt. Illustration Wald © 2002 M. C. Herdt. Letzte Änderung: 2007-12-30