Blick in die Kristallkugel

Tiefer dringt der Blick und tiefer. Und nicht nur der Blick, sondern auch Gedanken und Gefühle. Das Hier und Jetzt verschwindet ...

Travia 28 Hal.Vor zwei Jahren hatte der Terror begonnen, ein Landstrich nach dem anderen war Borbarad zum Opfer gefallen, bis in die Berge war der Feind schon vorgedrungen.
Aber die Bewohner der Trollzacken sind zäh, sie lassen sich nicht so schnell vertreiben. Und ein halbes Jahr vorher auf den Vallusanischen Weiden hatte man die Dämonenpaktierer und ihre Heere schlagen können. Warum nicht auch hier?
Viele Hengener sind schon im Kampf gefallen oder aus den besetzten Landen nicht wiedergekehrt. Doch von den übrigen ist kaum ein Drittel geflohen, der Rest harrt aus.

So kommt der  1. Boron 28 Hal.Bange gedenkt die Stadt ihrer Toten.
Ein Waldläufer meldet fremde Jäger im Gebiet, auch die Tage vorher wurde schon mehrfach Alarm gegeben, weil feindliche Söldner gesichtet wurden. Aber halbherzige Angriffe wurden weit vor Hengen zurückgeschlagen, und die Hengener vertrauen auf den Winter.
In der Umgebung der Stadt bleibt alles ruhig.
Auf einem Hügel vor der Stadt, nicht weit von dem Ort, wo schon drei Generationen ihre Toten vergraben haben, legen seltsame Leute noch seltsamere Dinge aus, murmeln seltsame Worte, stimmen seltsame Gesänge an. Dann verstummt alles ringsum, kein Ton ist mehr zu hören. Aus dem düsteren Nebel über den Bergen gleitet ein mächtiger Schatten heran, wird zum riesigen Vogel, zum fliegenden Kadaver ...
Ein Beobachter hätte gesehen, wie die seltsamen Leute die Arme hochreißen und in panischem Entsetzen zu schreien scheinen - aber es gibt keinen Beobachter. Dann fällt Dunkelheit über den Hügel.
An den Berghängen rings um die Stadt würde ein Beobachter viele Bewegungen sehen, Kriegsvolk, auch andere Kreaturen. Aber es gibt keinen Beobachter mehr. Die einen wähnen sich in ihrer Stadt in Sicherheit. Die anderen, die wachen sollten, sind tot.
Dann zerreißen schmetternde Fanfaren die Stille, dunkel dröhnende Hörner, schrilles Kreischen - und der Feind kommt über die Stadt.
Eine einzige Lücke gibt es noch, und durch die fliehen die Hengener, mit nichts als ihrem nackten Leben und der Erinnerung an ihre Toten. Hinter ihnen besetzt der Feind die Stadt.

2. Boron 28 Hal.Die Eroberer haben gefeiert. Langsam heben sich die Nebel des Herbsttages, in den Bergen eigentlich schon Winter. Langsam heben sich auch die Nebel von den Augen und Hirnen.
Verschlafen recken sich die Söldner und treten zum Brunnen, mitten in der geschäftigen Stadt. - Aber es sind nicht mehr die Lebenden, die hier ihren Geschäften nachgehen.
Bald gehört die Stadt wieder allein den Hengenern - den alten Hengenern.

Das Bild verblaßt.

[ Des Meisters Blick klärt sich ... ]

 

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Impressum -- Text © 2002-2007 Friederike Stein und Marianne C. Herdt, Tübingen. Graphik, Layout © M. C. Herdt. Letzte Änderung: 2007-07-30